Die Meldeauflagen gegen drei der Personen, die Personalien bei der Haftprüfung angegeben haben wurden Ende September außer Kraft gesetzt. Dennoch eine einschneidende Willkür – einer der Betroffenen hat einen Bericht darüber verfasst.
Nach einer richtig tollen Aktion im und ums Kraftwerk Jänschwalde wurden wir alle in die
Gefangenensammelstelle der Polizei Cottbus gebracht. Mein persönliches Erleben dort war recht empowernd – in einer Mehrpersonenzelle konnten wir sogar die Hausordnung der Einrichtung bekommen und hielten unser Personal mit den verschiedensten Wünschen auf Trab. Mensch ärger dich nicht wollten sie zwar partout nicht mit uns spielen, aber immerhin konnte eine Person immer wieder rauchen gehen. Mit diesem Spirit und mit entsprechendem Selbstbewusstsein wurde ich Tags drauf zur Haftprüfung (wir verweigerten unsere Personalien) vor eine Richterin gebracht.
Die Richterin war eine Person, die es nicht nur sehr eilig hatte, mit uns fertig zu werden – sondern die sich regelrecht daran erfreute, uns fertig zu machen. Kalt, hart und streng ließ sie keine Faxen zu und bestellte sich direkt zwei Polizeibeamt*innen in den Raum, als ich mich auf den falschen Stuhl (den mit Polster) setzen wollte. Das ging ja gar nicht gut los.
Für die Inhaftierten ist mittlerweile Postkontrolle angeordnet. Das heißt, alle Briefe werden von Staatsanwaltschaft oder Richter*in gelesen und erst dann weiter geleitet, in beide Richtungen. Dabei scheinen die sich nicht gerade zu beeilen. Ava hat beispielsweise bisher nur ein einziges Mal einen Stapel Briefe erhalten (Ende September), seitdem nicht wieder. Carlos erste Post nach draußen kam über einen Monat nach der Inhaftierung an. Bei Ralph wird selbst Verteidigerpost kontrolliert (wenn auch weniger intensiv als andere Post) und er bekommt nur Sachen, die Briefe sind, also beschrieben. Bei Ava ist Verteidigungspost verloren gegangen und wenn Carlo und Ava ihre ihre Anwältinnen anrufen möchten, ist das schwierig und wird immer mal wieder verweigert – bloß weil diese sich über die Überwachung der Anwaltstelefonate beschwert hatten. 

Aktivist:innen hatten an drei Stellen insgesamt über zehn Stunden lang erfolgreich die Kohlezufuhr in das Braunkohlekraftwerk blockiert. Sie ketteten sich an Förderbändern fest und blockierten mit technischen Mitteln die Gleise zwischen dem nahen Tagebau Jänschwalde und dem Kraftwerk. Die Gruppe forderte das sofortige Aus des drittgrößten Braunkohlekraftwerks in Deutschland. Das Kraftwerk hat aber nicht nur europaweit die vierthöchsten CO2-Emissionen, sondern bedroht auch massiv die Trinkwasserversorgung in der Lausitz und in Berlin . Erst im März hatte das Verwaltungsgericht Cottbus entschieden, dass der Tagebau seinen Betrieb deshalb einstellen muss. Doch seit dem russischen Angriffskrieg in der Ukraine wiegen die Interessen der Energieversorger vor Gericht schwerer: Ihre Dreckschleudern können trotz absurder Umwelt- und Klimaschäden weiterhin auf vollen Touren laufen. Statt dessen werden allen Ernstes zusätzlich zu den vier aktiven Kraftwerksblöcken zwei Reserveblöcke reaktiviert.
Auch von Ralph ist mittlerweile der erste Brief angekommen. Er versucht zu verfolgen, was alles so passiert – und hat seit Jahren nicht so viel Fernsehen geguckt wie aktuell. Die Zelle ist „ganz ok“, die Schließer „naja“ und das Essen „ziemlich wenig und ziemlicher Kantinenfrass.“ Veganes Essen ist beantragt, wie der aktuelle Stand da ist wissen wir nicht. In der 5-tägigen Quarantäne durfte Ralph seinen Verteidiger nicht sehen.